Globalisierung

Globalisierung, Arbeitslosigkeit, Abbau des Sozialstaats
Globalisierung, Arbeitslosigkeit, Abbau des Sozialstaats Paradigmenwechsel im bundesdeutschen Kapitalismus Von Marc Neumann 1. Inhalt 1. Inhaltsverzeichnis 2. 0 Inhalt 0.1 Inhaltsverzeichnis 0.2 Abbildungsverzeichnis 1 Einleitung 2 Geschichte I: Kapitalismus-Konzepte 2.1 Adam Smith 2.2 John Stuart Mill 2.3 Manchester-Liberalismus und Neoklassik 2.4 Karl Marx 2.5 John Maynard Keynes 2.6 Neoliberalismus und Monetarismus 2.6.1 Neoliberalismus 2.6.2 Ordoliberalismus 2.6.3 Monetarismus 2.7 Resmee 3 Geschichte II: Die wirtschaftspolitische Ausrichtung der BRD seit ihrer Grndung 4 “Globalisierungshysterie”: Die BRD im Umbruch 4.1 Bestandsaufnahme 4.2 Grnde und Erklarungen 5 SchluSsbetrachtung 6 Literatur 6.1 Monographien 6.2 Aufsatze u. dgl. 3. Abbildungsverzeichnis Tabelle 1: Chronik des Sozialabbaus Diagramm 1: Arbeitslosenquote in der BRD 1991 bis 1996; zum Vergleich: Einkommen aus Unternehmertatigkeit und Vermogen Diagramm 2: Studierende an Hochschulen in der BRD; daneben: BAfoG-BezieherInnen 1991 bis 1995 2. Einleitung Ein ganz neues Kapitel scheint aufgeschlagen. Das marktwirtschaftlich orientierte System scheint nicht mehr das alte zu sein, und allerorten wird eine neue Qualitat von Fragestellungen und eine Einschrankung der Handlungsoptionen postuliert. Wo dies nicht geschieht, scheinen PolitologInnen, WirtschaftswissenschaftlerInnen und PolitikerInnen gleichermaSsen paralysiert: Sie resignieren, ohne auch nur den Rest eines gestaltbaren Spielraums zu erkennen, vor den behaupteten Sachzwangen des entfesselten Marktes. Robert Heilbroner nennt unter Hinweis auf die dem Kapitalismus innewohnende Dynamik fnf industrielle Revolutionen, die Entwicklungsstufen im ProzeSs der Ausformung der Gesellschaft darstellen: 1. die Erfindung von Dampfmaschine und Baumwollspinnerei, 2. die Stahlerzeugung, und damit verbunden die Entwicklung von Eisenbahn und Dampfschiffen, 3. die Elektrifizierung, 4. die “automobile” Revolution und schlieSslich 5. die Computerisierung. Fr eine aktuelle Betrachtung mSste man dieses Stufenmodell wohl um zwei Stufen erganzen, namlich: 6. den Zusammenbruch der ehemaligen Mitgliedsstaaten des Rates fr gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW-Staaten) und 7. (eng zusammenhangend mit der 5. Stufe) die Globalisierung der Markte, die Herausbildung eines sog. “Turbokapitalismus”. Keine Diskussion, in der nicht spatestens das dritte Wort “sparen” lautet, keine Debatte ber die gesellschaftlichen und staatlichen Perspektiven ohne die beschworende Andeutung von Standortvor- und -nachteilen. Die vorliegende Arbeit soll die Frage beleuchten, ob wirklich eine qualitativ neue Entwicklung vorliegt, und sie will angesichts der Tatsache, daSs alle wie in einem Hhnerstall zwar aufgeregt herumgackern, Losungsvorschlage aber nicht unterbreiten und die vorhandenen Analyseinstrumente nicht anwenden, zeigen, daSs angesichts (scheinbar?) neuer Entwicklungen nicht alles ber Bord geworfen werden muSs, was in Zeiten, die noch gar nicht so lange her sind, als Gemeingut galt. Die Bearbeitung soll in mehreren Schritten erfolgen. Nachdem im 2. Abschnitt zunachst die klassischen okonomischen Auffassungen von Smith ber Marx und Keynes bis hin zu den Neoliberalisten angerissen werden, beschaftigt sich das 3. Kapitel in knapper Form mit der Veranderung des wirtschaftspolitischen mainstream in der BRD seit ihrer Grndung. Das 4. Kapitel zeigt zunachst den Umfang des Sozialabbaus der letzten Jahre auf und geht dann der Frage nach, was vom Topos “Globalisierung” als Rechtfertigung des Marktradikalismus zu halten ist. Die Arbeit ist auch ein Pladoyer dafr, dem erwahnten Gegackere wieder die ernsthafte Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen folgen zu lassen. Dieses Pladoyer richtet sich im brigen auch an den Betreuer dieser Arbeit, dessen Aufsatz “Krise des Wohlfahrtsstaates?” dem Verfasser AnlaSs zum Wutausbruch war. 3. Geschichte I: Kapitalismus-Konzepte 1. Adam Smith Adam Smith, geboren 1723, Klassiker der marktwirtschaftlichen Theorie, sieht im kapitalistischen Handeln und Tauschen ein Grundbedrfnis des Menschen verwirklicht. Diese Neigung sei “allen Menschen gemein”.Ausdruck dieses Bedrfnisses und zugleich Voraussetzung fr erhohte Arbeitsproduktivitat ist nach seiner Theorie die arbeitsteilige Lohnarbeit. Selbstandige und auch lohnabhangig Beschaftigte tragen zum gesamtgesellschaftlichen Wohlstand bei, obwohl (oder: gerade weil) sie rein eigenntzig handeln, indem sie um die Aufbesserung des bloSsen eigenen Einkommens bemht sind: “Jeder Mensch ist stest darauf bedacht, die ersprieSslichste Anwendung alles Kapitals, ber das er zu verfgen hat, ausfindig zu machen.Tatsachlich hat er nur seinen eigenen Vorteil und nicht den der Gesellschaft im Auge; aber natrlich oder vielmehr notwendigerweise, fhrt ihn die Erwagung seines eigenen Vorteils gerade dahin, daSs er die Kapitalbenutzung vorzieht, die zugleich fr die Gesellschaft hochst ersprieSslich ist.” Die Summe der Aktivitaten der eigenntzig Handelnden fhrt nach Smith aber nicht zur Entwicklung eines volligen Chaos – der entstehende Markt sorge vielmehr in einer letztlich fr alle befriedigenden Weise ber den Mechanismus von Angebot und Nachfrage fr die kollektive Wohlfahrt. Infolgedessen propagiert Smith den Wegfall aller Konkurrenz- und Marktbeschrankungen (einfaches System der natrlichen Freiheit). Dem Staat verbleiben nur noch das Wehr- und Verteidigungswesen, den Schutz der Gesellschaftsmitglieder vor Ungerechtigkeit und Unterdrckung und die Unterhaltung offentlicher Anstalten in Bereichen, in denen privatwirtschaftliches Engagement aufgrund der zu erzielenden niedrigen Profitraten nicht zu erwarten ist (dazu gehoren etwa Verkehrswesen und Schulen bzw. Hochschulen). 2. John Stuart Mill Der Okonom John Stuart Mill veroffentlichte 1848 die “Principles of Political Economy”, die in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts den Stellenwert einer “Bibel” der Wirtschaftswissenschaften erreichten. Mill begrndet mit diesem Werk den klassischen Liberalismus. Der Liberalismus stellt die individuelle Freiheit des Menschen in den Vordergrund. Nach Mill soll die Betatigung des einzelnen ihre Schranke erst dort finden, wo die Folgen seines Handelns andere Mitglieder der Gesellschaft treffen bzw. schadigen. Mills Freiheitsvorstellung bezieht sich sowohl auf die individuellen brgerlichen Rechte als auch auf die wirtschaftliche Betatigung. Gegen diese Freiheitsvorstellung wurde der Einwand erhoben, sie schtze nur die ohnehin besitzende Klasse, also eine Minderheit der Gesellschaft, da etwa die Freiheit, Vertrage abzuschlieSsen und Geschaftsbeziehungen auszugestalten, immer nur dem etwas ntze, der auch die wirtschaftliche Durchsetzungsmacht besitze.Ebendieses Argument fand in der BRD in jngerer Zeit etwa Bercksichtigung bei der Neuregelung des brgerlichen Rechts, u. a. durch die Einfhrung des Gesetzes ber die Allgemeinen Geschaftsbedingungen (AGB-Gesetz) im Jahre 1976. Aus der Freiheitsdefiniton des klassischen Liberalismus folgt nach Mill das Recht auf privates Eigentum an Produktionsmitteln. Der Ertrag der eigenen Arbeit und Sparsamkeit msse dem Individuum wiederum zugute kommen, und im brigen ergabe sich durch das privatwirtschaftliche Prinzip ein Effizienzvorteil – das materiell sprbare Ergebnis der Arbeit fhre zu hoheren Leistungsanreizen als jeder gesellschaftliche oder gesetzliche Ansporn. Staatlichen Interventionismus lehnt Mill ab, auSser in folgenden Ausnahmesituationen: Unvermogen des einzelnen, das Wert eines gesellschaftlich interessanten Gutes oder seine eigenen Interessen zu erkennen (das betrifft auch Geschaftsunfahige wie Kinder), Falle eines faktischen Monopols wie bei der Wasser- und Energieversorgung (hier soll der Staat Preise und Gewinnverwendung kontrollieren) sowie Situationen, in denen ein Gruppeninteresse das individuelle Interesse eines Gesellschaftsmitglieds berwiegt (als Beispiel nennt Mill die Verkrzung der taglichen Arbeitszeit, die nur per Gesetz erreicht werden konne, um zu verhindern, daSs einzelne Arbeiter durch unsolidarisches Handeln das Gemeininteresse unterlaufen konnten). Die grundsatzliche Ablehnung staatlicher Intervention in das Wirtschaftsgeschehen bezeichnet Mill als den laissez-faire-Grundsatz. Mill (man beachte das Erscheinungsjahr seines Werks!) ist aber kein geradliniger Verfechter der kapitalistischen Wirtschaftsweise; er erkennt auch die Notwendigkeit von Reformen und lehnt insbesondere die Zuspitzung des Klassengegensatzes zwischen Arbeitern und Kapitalisten ab. Langfristig prognostiziert er daher die Herausbildung einer kooperativen Form der Teilhaberschaft der Arbeiter an ihren Betrieben “nach den Grundsatzen der Gleichheit mit gemeinsamen Besitz des zur Durchfhrung des Unternehmens notigen Kapitals und mit der Arbeitsleistung unter von ihnen gewahlten und wieder absetzbaren Leitern”. 3. Manchester-Liberalismus und Neoklassik In der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts nahm man zwar Mill durchaus nicht nur zur Kenntnis, sondern berief sich auch auf viele seiner Thesen. Die reformerischen Visionen und die marktkritischen Ansatze kollidierten aber mit dem Postulat der Manchester-Liberalen, die die staatlichen Funktionen auf die Sicherung der inneren und auSseren Ordnung reduziert sehen (“liberaler Nachtwachterstaat”) und dem freien Markt die Regelung aller wirtschaftlichen (und damit sozialen) Angelegenheiten berlassen wollten. Hauptanliegen dieser neuen Schule, zu deren Vertretern Cobden (England), Prince-Smith (Deutschland) und Bastiat (Frankreich) gehorten, war die Durchsetzung des globalen Freihandels. Kromphardt faSst den Leitgedanken an den okonomischen Fakultaten so zusammen: “Die wirtschaftswissenschaftliche Diskussion entfernt sich ihrerseits weit von den Fragen der Ordnung und Steuerung des Wirtschaftssystems; sie akzeptiert das kapitalistische Wirtschaftssystem als Rahmen, ber den nicht zu diskutieren ist, und analysiert dementsprechend nur das nutzenmaximierende Verhalten der einzelnen Produzenten und Haushalte in einer unveranderlichen, unbeeinfluSsbaren Umwelt.” Dieses minimalistische Sebstverstandnis der Okonomen sei charakteristisch fr den Aufbruch der Neoklassik, einer Richtung, die sich mit staatlichen Lenkungs- und Interventionsmoglichkeiten, der Frage des Eigentums an Produktionsmitten und gesellschaftlichen Perspektiven allenfalls noch am Rande befaSst. Die Neoklassiker behandeln die Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital okonomisch wie moralisch gleich. Sie rechtfertigen die gegebene Verteilung der Produktionsfaktoren und rechnen die Tatsache der Profitereinvestition den Kapitalisten als produktiven Beitrag, der dem Beitrag der Arbeiter gleichkomme, an. 4. Karl Marx Die kapitalistische Produktionsweise ist nach Marx gekennzeichnet durch die Entfremdung oder EntauSserung des Arbeiters sowohl von seiner Tatigkeit als auch vom Produkt dieser Tatigkeit. Der EntfremdungsprozeSs fhrt schlieSslich auch zur Entfernung von anderen Menschen und zur Selbstentfremdung: “Die entfremdete Arbeit macht also: … das Gattungswesen des Menschen, sowohl die Natur, als sein geistiges Gattungsvermogen zu einem ihm fremden Wesen, zum Mittel seiner individuellen Existenz. Sie entfremdet dem Menschen seinen eignen Leib, wie die Natur ausser ihm, wie sein geistiges Wesen, sein menschliches Wesen.” 1867 erscheint mit dem “Kapital” das Hauptwerk von Karl Marx. Im ersten Band untersucht er den “ProduktionsprozeSs des Kapitals”. Er stellt einen Doppelcharakter der im Kapitalismus hergestellten Ware fest – einerseits diene sie der puren Bedrfnisbefriedigung (habe also einen Gebrauchswert), andererseits werde sie gerade fr den Austausch produziert (und habe damit einen Tauschwert). Waren sind nach Marx Produkte menschlicher Arbeit; ihr Wert bestimme sich durch das Quantum der gesellschaftlich notwendigen Arbeit, die in ihnen verkorpert sind. “Das Produkt – das Eigentum des Kapitalisten – ist ein Gebrauchswert, Garn, Stiefel usw. Aber obgleich Stiefel z.B. gewissermaSsen die Basis des gesellschaftlichen Fortschritts bilden und unser Kapitalist ein entschiedner Fortschrittsmann ist, fabriziert er die Stiefel nicht ihrer selbst wegen. Der Gebrauchswert ist berhaupt nicht das Ding qu’on aime pour lui-meme in der Warenproduktion. Gebrachswerte werden berhaupt nur produziert, weil und sofern sie materielles Substrat, Trager des Tauschwerts sind. Und unsrem Kapitalisten handelt es sich um zweierlei. Erstens will er einen Gebrauchswert produzieren, der einen Tauschwert hat, einen zum Verkauf bestimmten Artikel, eine Ware. Und zweitens will er eine Wahre produzieren, deren Wert hoher als die Wertsumme der zu ihrer Produktion erheischten Waren, der Produktionsmittel und der Arbeitskraft, fr die er sein gutes Geld auf dem Warenmarkt vorschoSs. Er will nicht nur einen Gebrauchswert produzieren, sondern eine Ware, nicht nur Gebrauchswert, sondern Wert, und nicht nur Wert, sondern auch Mehrwert.” Nach Marx stellt auch die Arbeitskraft eine Ware dar. Der Arbeiter besitzt keine anderen Waren (aufgrund der ungerechten Ressourcenverteilung insbesondere keine eigenen Produktionsmittel) auSser seiner Arbeitskraft. Um sich zu reproduzieren, also seinen Lebensunterhalt zu verdienen, muSs er diese Ware dem Kapitalisten verkaufen. Der Tauschwert der Arbeit, also der empfangene Lohn, entspricht dem Reproduktionswert. Die Entlohnung ist i. d. R. so bemessen, daSs der Arbeiter seine Arbeitskraft gerade erhalten und fr den Nachwuchs sorgen kann. “Bei Marx geht der Konkurrenzdruck auf die Lohne insbesondere von der industriellen Reservearmee aus. Hiermit bezeichnet Marx die im WachstumsprozeSs durch Konjunkturschwankungen, Strukturwandel und technischen Fortschritt freigesetzten Arbeitskrafte, die an anderer Stelle wieder Arbeit suchen mssen. Da bei steigenden Lohnen die Unternehmer besonders stark an einer Substitution von Arbeit durch Kapital interessiert sind, stellt die Freisetzung von Arbeitskraften einen selbstregulierenden Mechanismus dar, der die Lohne stets wieder auf das Subsistenzniveau (Reproduktionskostenniveau) herabdrckt.” Immer dann, wenn der Arbeiter langer arbeitet, als es zu seiner eigenen Reproduktion erforderlich ist, handelt es sich nach Marx um Mehrarbeit: Es entsteht eine Differenz zwischen dem Tauschwert der Ware Arbeitskraft und dem Gebrauchswert. Der Gebrauchswert manifestiert sich namlich im Arbeitsprodukt. Den erzeugten Mehrwert eignet sich der Kapitalist an. Die erzielten Profite werden weitgehend in den ProduktionsprozeSs reinvestiert (Akkumulation), wodurch die Produktion vergroSsert und das Kapital weiter vermehrt wird. “Die allgemeine Formel des Kapitals ist” nach Marx Geld – Ware – Geld Strich oder “G – W – G’; d.h. eine Wertsumme wird in Zirkulation geworfen, um eine groSsre Wertsumme aus ihr herauszuziehn. Der ProzeSs, der diese groSsre Wertsumme produziert, ist die kapitalistische Produktion; der ProzeSs, der sie realisiert, ist die Zirkulation das Kapitals.” Marx sieht in den zyklischen Krisen des Kapitalismus eine GesetzmaSsigkeit, die aus dem tendenziellen Fall der Profitrate resultiert. Die Profitrate ist definiert als das Verhaltnis der geleisteten Mehrarbeitszeit zum Gesamtkapital: . Es zeigt sich die Tendenz, daSs dieselbe Zahl von Arbeitern durch eine erhohte Arbeitsproduktivitat und durch die Veranderung der Produktionsmitteln schlieSslich in der Lage sei, eine hohere Kapitalmenge in Bewegung zu halten. Die Relation wird damit kleiner (hohere organische Zusammensetzung des Kapitals). Da Quelle des Mehrwerts aber die menschliche Arbeit ist, muSs die Profitrate p’ sinken. Trotz der Anstrengungen der einzelnen Kapitalisten, die Produktion auszuweiten und durch eine Erhohung der Umsatze die geringere Profitrate wettzumachen, bleibt die Tendenz zum Fall der Profitrate erhalten. Gleichzeitig verscharft sich aber die Situation auf den Warenmarkten; es kommt zu relativer Uberproduktion verbunden mit Absatzstockungen – die Krise ist programmiert: “Diese Versuche der Kapitalisten mssen jedoch scheitern; sie fhren zum rapiden Fall der Profite, dann zu Konkursen etc., welche die Krise auslosen.” Als Ausweg erscheint dann nur noch die Vernichtung konstanten Kapitals, also von Produktionsmitteln, zur “Gesundung” der organischen Zusammensetzung: “Im Verlaufe der Krise erfolgt eine wertmaSsige Vernichtung von Kapital, viele Investitionen erweisen sich als Fehlinvestitionen, Sachanlagen werden abgerissen, abmontiert oder verrosten. Auf diese Weise schrumpft das eingesetzte Kapital, die Profitrate steigt wieder an.” Krisen sind somit sowohl Ausdruck des inneren Widerspruchs des Kapitalismus (Ausweitung der Produktion und Steigerung der Arbeitsproduktivitat einhergehend mit der Verringerung des Einsatzes menschlicher Arbeitskraft, obwohl nur diese eigentliche Mehrwertquelle und damit Triebfeder des kapitalistischen Systems ist) und damit systemimmanent; gleichzeitig dienen sie aber zur Selbstreinigung. 5. John Maynard Keynes Mit seiner 1936 vorgelegten “Allgemeinen Theorie der Beschaftigung, des Zinses und des Geldes” tritt Keynes der oben (vgl. 2.3) angerissenen neoklassischen Position entgegen: Er geht von der Annahme aus, daSs das rein marktwirtschaftliche System instabil ist und der staatlichen Untersttzung und Steuerung bedarf, um beispielsweise das Ziel der Vollbeschaftigung zu erreichen. Keynes wendet sich vor allem gegen die Meinung der Neoklassiker, durch Lohnzurckhaltung konnten Arbeitsplatze in ausreichender Anzahl geschaffen werden – moge dies im Einzelfall noch zutreffen (ein einzelner Arbeiter wird wegen seiner niedrigen Lohnforderung eingestellt), konne dies nicht auf gesamtwirtschaftliche Zusammenhange bertragen werden, da durch kollektive Reduzierung der Lohne auch die Nachfrage der Haushalte der Arbeiter sinke. Keynes empfiehlt, die Lohne nicht zu drcken und “die mit steigender Gesamtnachfrage einsetzende Preissteigerung zu tolerieren, um bei unverandertem Nominallohnniveau einen sinkenden Reallohn und steigende Beschaftigung zu erhalten.” Nach Keynesscher Vorstellung obliegt es dem Staat, durch offentliche Investitionsprogramme, fiskalische Anreize und entsprechende Gestaltung der Steuertarife zur Bekampfung von Arbeitslosigkeit und zur Steigerung der Einkommen beizutragen (Konzept der indirekten Globalsteuerung). Keynes fordert gleichzeitig eine Umverteilung zugunsten derer, deren Einkommen sich am unteren Ende der Skala befinden. Auf Teile der Keynesschen Theorie berufen sich die Keynesianer. Die keynesianischen Paradigmen der Wirtschaftspolitik waren vor allem in der Zeit nach 1945 in den meisten westlichen Industriestaaten hegemonial; fr die BRD drckt sich dies nach Ansicht von Kromphardt im “Gesetz zur Forderung von Stabilitat und Wachstum der Wirtschaft” (1967) aus, das als wirtschaftspolitische Zielsetzungen Preisstabilitat auf der einen, Vollbeschaftigung auf der anderen Seite nennt. –* plus Ebermann/Trampert 6. Neoliberalismus und Monetarismus In Abgrenzung gegen die keynesianischen Vorstellungen von einer gewissen Wohlfahrtsrolle des Staates ist seit den siebziger Jahren die Position derjenigen starker geworden, die die reine Marktwirtschaft als ein sich selbst steuerndes und stabilisierendes System ansehen. 1. Neoliberalismus Die moderne Position des Wirtschaftsliberalismus sieht den Staat jedoch nicht mehr nur in der Rolle des “Nachtwachters”, die ihm der Laissez-faire-Liberalismus noch als ausschlieSsliche Aufgabe zuschreiben wollte. Milton Friedman etwa sieht drei Fallgruppen, bei denen ein Eingreifen des Staates wnschenswert ist: 1. Handlungen von Individuen haben Rckwirkungen auf andere Individuen; Beispiele: Eingreifen des Staates bei Umweltverschmutzung (negative Rckwirkung), Eingreifen des Staates zugunsten des Erziehungswesens (positive Rckwirkung: Stabilisierung der Gesellschaft), 1. “paternalistische Sorge” fr diejenigen, die nicht voll verantwortlich sein konnen (Beispiele: Kinder, Geisteskranke), und 2. “technische Monopole” wie Gas- und Wasserversorgung sowie Telekommunikation (Friedman spricht sich hier fr staatlich kontrollierte Privatmonopole, nicht jedoch fr eine wirtschaftliche Betatigung des Staates aus). Deutlicher als Kromphardt, der Friedman als prominenten Vertreter neoliberaler Theorie anfhrt, formuliert Schui: “Der Neoliberalismus ist nicht einfach eine Wirtschaftsdoktrin unter vielen; es handelt sich vielmehr um eine politische Bewegung, in der die okonomische Rechte mit der politischen Rechten eine Verbindung eingeht, um der Epoche des Wohlfahrtsstaates und der Demokratisierung ein Ende zu setzen. Theoretischer Neoliberalismus und politischer Marktradikalismus sind ein einheitliches Ganzes.” 1. Ordoliberalismus Die Ordoliberalen fordern vom Staat die Garantie der freien Wettbewerbsordnung. Dazu soll er Monopole auflosen und Machtzusammenballungen im Wirtschaftsgefge verhindern, also beispielsweise der Eigentumskonzentration entgegenwirkt. Die Ordoliberalen halten das Privateigentum an Produktionsmitteln fr eine unabdingbare Voraussetzung individueller Freiheit. Die Verwirklichung des “echten” Wettbewerbs macht nach ihrer Vorstellung die Marktwirtschaft so leistungsfahig, daSs sich eine staatliche Lenkung erbrigt. 2. Monetarismus Die monetaristische Theorie grndet sich zunachst auf die Ablehnung des keynesianischen Modells. Nachfrage der privaten Haushalte konne nicht ber kurzfristig wirksame Einkommenserhohungen geschaffen werden, sondern nur durch das Vertrauen der privaten Haushalte in eine dauerhaft positive wirtschaftliche Entwicklung (Dauereinkommen-Hypothese). Der Monetarismus geht von den Selbstheilungskraften des Marktes aus, betrachtet also den privaten Sektor im Gegensatz zu Keynes als stabil, und halt staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen fr in aller Regel schadlich. Einige Autoren, die dem neoliberal-monetaristischen Konzept zuneigen, verharmlosen u. a. die Existenz von Arbeitslosigkeit im Kapitalismus. Sie behaupten, daSs Arbeitslosigkeit von den Arbeitnehmern freiwillig in Kauf genommen werde, da diese nicht bereit seien, vorhandene Arbeitsangebote anzunehmen, sondern nach besser bezahlten Arbeitsplatzen suchten. Kromphardt kommentiert zu Recht: “Je haufiger man bei den Monetaristen dieser Tendenz zur Verharmlosung oder Verleugnung von Fehlentwicklungen begegnet, desto mehr muSs der Verdacht berechtigt erscheinen, daSs ihre Bemhungen … kaum darauf gerichtet sind, die Realitat besser zu erklaren und die existierenden wirtschaftspolitischen Probleme gemaSs den Wnschen und Bedrfnissen, die von der Mehrheit der Bevolkerung … zum Ausdruck gebracht werden, zu losen; vielmehr scheinen sie bemht zu sein, die Realitat so zu interpretieren, daSs sie mit einer wirtschaftspolitischen Konzeption vereinbar wird, die das kapitalistische Wirtschaftssystem im besten Licht erscheinen laSst und so alle Forderungen abblockt, die auf eine Einschrankung der Dispositionsfreiheit der Privateigentmer von Produktionsmitteln … abzielen.” 1. Resmee Kapitel 2 stellte in knapper Form die klassischen, neoklassischen und materialistischen Wirtschaftstheorien vor. Es soll zeigen, daSs viele der Vorschlage, die heute zur Losung der “Globalisierungsprobleme” in die offentliche Diskussion geworfen werden und die meisten der Rezepte, die der politische mainstream anwendet, gar nicht das sind, was sie zu sein vorgeben. Sie sind weder neu noch innovativ. Das trifft insbesondere auf neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftskonzeptionen zu, denen der Ideologieverdacht (Kromphardt) nicht abgesprochen werden kann. Mit dieser Feststellung sei die These verbunden, daSs Abbau des Sozialstaats und Abkehr von einer “sozialen” Variante der Marktwirtschaft weniger mit real existierenden wirtschaftlichen Tendenzen zu tun hat als vielmehr mit dem Wegfall der Systemkonkurrenz durch die ehemaligen Comecon-Staaten seit deren Zusammenbruch 1989/90. 1. Geschichte II: Die wirtschaftspolitische Ausrichtung der BRD seit ihrer Grndung Noch vor der Grndung der BRD im Jahre 1949 beschaftigte sich die Politik mit dem Leitbild einer bundesdeutschen Wirtschaftspolitik. Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise von 1929/1930 wollte man die gesellschaftlichen Folgen des Marktes und des freien Wettbewerbs abmildern. In das Grundgesetz fand das Gebot Aufnahme, daSs die junge Republik ein sozialer und demokratischer Bundesstaat werden solle (Art. 20 Abs 1 GG); die Eigentumsrechte fanden in die provisorische Verfassung Eingang unter Sozialisierungsvorbehalt fr Schlsselindustrien und mit einer Sozialbindungsklausel (Art. 14 Abs. 2 f. GG). Durch die Koalitionsfreiheit (Art. 9 Abs. 3 GG) wurde auch den Gewerkschaften die Moglichkeit der organisierten Interessenvertretung der arbeitenden Bevolkerung eingeraumt. Noch 1947 befrwortete die CDU im Ahlener Programm unter Hinweis auf moglichen MachtmiSsbrauch durch wirtschaftliche Monopole die Vergesellschaftlichung von Schlsselindustrien und bewies damit, daSs sie politische (bzw. Verfassungs-)vorgaben fr elementarer hielt als die individuelle Freiheit der wirtschaftlichen Betatigung. Unter diesen Pramissen entwickelte sich ein Konsens bezglich der wirtschaftspolitischen Ausgestaltung des Staates BRD. Den Keynesianern stimmte man zu, daSs die offentliche Hand in konjunkturschwachen Phasen zu einer Steigerung des Massenkonsums beitragen msse. Dazu gehorte etwa die Akzeptanz der Rolle der Gewerkschaften, die ber Lohnsteigerungen die Nachfrage der Arbeitnehmerhaushalte erhohen. Uber offentliche Transferleistungen sollte auch denen, die ber Arbeitseinkommen nicht oder nur in geringer Hohe verfgten, der Konsum ermoglicht werden. Bei diesen Transferleistungen handelt es sich aber nicht um fremdfinanzierte Zahlungen, sondern: “Der Sozialstaat lebt nicht vom gegebenen Stand der Produktion; vielmehr wird durch seine Regulierungen diejenige zusatzliche Produktion erst geschaffen, die ihn alimentiert.” (Ebd.) Nach Schui war Ergebnis dieser Zielvorstellungen ein “gemischtwirtschaftliches System”, das vom Dualismus privater und politischer Entscheidungsbefugnis einerseits, vom Nebeneinander verschiedener Formen des Eigentums an Produktionsmitteln (privatwirtschaftliche, genossenschaftliche oder staatliche Lenkung von Betrieben) gekennzeichnet war. Voraussetzung fr dieses reformistische System waren die starke Position der Gewerkschaften, die Verbesserung der sozialen Sicherungssysteme und Umverteilungseffekte durch Progressionstarife bei der Einkommensteuer. Bis zur Olkrise zu Beginn der 70er Jahre (in Teilen der Literatur als exogener Schock angesehen) fhrten diese Strategien zu (annahernd erreichter) Vollbeschaftigung, steigendem Lebensniveau und steigender Prosperitat. Fr die Zeit danach ist eine zunachst gleichbleibende, spater wachsende Sockelarbeitslosigkeit in erheblichem AusmaSs festzustellen. Schui konstatiert aber auch, und das wiegt schwerer als ein exogener Schock, eine Abkehr vom Ziel der Vollbeschaftigung seit Mitte der 70er Jahre; velmehr habe nun eine monetaristische Ara begonnen. Die neoliberal-monetaristische Wirtschaftsauffassung aber lasse letztlich keinen Platz fr die Durchsetzung sozialer Gleichheit und gesellschaftlicher Gerechtigkeit. Diese seien in einem neokonservativen Denkmodell als Ziele nicht definierbar, vielmehr konnten solche Ideale nur “prozedural” realisiert werden – durch die Gewahrleistung von Vertragsfreiheit und durch das Vertrauen auf die bereits erwahnte Selbstregulierung und -stabilisierung qua Marktgeschehen. Deutlicher: Das Primat, durch politische Entscheidungen soziale Veranderungen durchzusetzen, sei zugunsten der bedingungslosen Unterwerfung unter soziale Realitaten aufgegeben worden. Ein schlanker Staat Bundesrepublik oder das “Ende des Rheinischen Modells” hat also nun nicht mehr das Ziel, soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu beseitigen und die Opfer der Marktwirtschaft vor dem Ruin zu bewahren. Sein Primat ist vielmehr die Deregulierung moglichst vieler Bereiche, und damit beschaftigt sich das nachste Kapitel. 2. “Globalisierungshysterie”: Die BRD im Umbruch 1. Bestandsaufnahme Im Jahr 1995 machte ein Ausspruch des ehemaligen Chefs des Bundesverbands der deutschen Industrie, Tyll Necker, die Runde: man msse die Krise nutzen, jetzt seien die Menschen reif. Diese ebenso zynische wie pragnante Aussage trifft den Angelpunkt des Diskurses in der BRD recht genau. Eine zyklische Krise des Kapitalismus wird instrumentalisiert, um den Sozialstaat zurckzufahren und die schon immer miSsliebigen Aspekte bundesrepublikanischen Wirtschaftslebens umzugestalten. Mit anderen Worten: “Es besteht wenig Zweifel: Der die Bundesrepublik lange Jahre pragende sozialstaatliche Konsens, dessen Stabilitat und Breitenwirkung zweifelsohne durch die Erfahrungen mit Faschismus und Krieg, aber auch durch die spezifischen Bedingungen der Systemkonkurrenz, zu erklaren sind, lost sich auf.” Oder in der Formulierung der Gruppe von Lissabon: “Der Abbau des Sozialstaats ist in GroSsbritannien am weitesten fortgeschritten und hat die Soziallandschaften in Westeuropa tiefgreifend verandert. Das AusmaSs des Abbaus wurde bis vor kurzem in Deutschland, den Niederlanden und in Skandinavien in Grenzen gehalten. Doch ist der Druck, den Sozialabbau voranzutreiben, so stark, daSs der Widerstand dagegen auch in Deutschland und den Niederlanden nachgelassen hat und der Umbau des Sozialstaats in vollem Gange ist. … In Deutschland stellt die Verabschiedung des Sparpakets’ im Oktober 1996, in dem soziale Errungenschaften wie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall abgeschafft wurden, einen vorlaufigen Hohepunkt dar.” In der Tat ist in den letzten Jahren in der BRD ein wahrer “Katalog der Grausamkeiten” zusammengezimmert worden, ein Katalog, der unter den Stichworten “Reform” und “Entschlackung” oder “Verschlankung” verkauft wurde. Alle “Grausamkeiten” der jngeren Vergangenheit an dieser Stelle aufzuzahlen, ware mSsig; einige Beispiele und der Verweis auf das zitierte Sparpaket 1996 sollen gengen. Aufgabe des Konsenses, daSs Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zur Halfte an der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme beteiligt werden durch die Einfhrung der sozialen Pflegeversicherung. Diese wird einseitig von den Arbeitnehmern durch Wegfall eines Feier- bzw. Urlaubstags finanziert. Reduzierung des Leistungskatalogs der Gesetzlichen Krankenversicherung bei erhohter Belastung der Versicherten durch Eigenbeteiligungen. Reduzierung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Jahrliche automatische Krzung der Arbeitslosenhilfe bei sog. “Langzeitarbeitslosen”. Abschaffung der Gewerbekapitalsteuer, geplante Senkung des Spitzensteuersatzes bei der Einkommensteuer; gleichzeitig: geplante Erhohung der Umsatzsteuer. Zulassung befristeter Arbeitsverhaltnisse durch die Anderung des Arbeitsforderungsgesetzes. Zwang zur Verrichtung von Arbeiten fr SozialhilfeempfangerInnen zur Vermeidung eines 25prozentigen Abschlags bei den Hilfeleistungen. Aufweichung der Kriterien fr die Vermittlung von Arbeitslosen (Zumutbarkeitsregelung); BezieherInnen von Arbeitslosengeld oder -hilfe sind nun verpflichtet, auch deutlich niedriger qualifizierte (und bezahlte) Tatigkeiten anzunehmen. Einfhrung des Asylbewerberleistungsgesetzes, das fr Flchtlinge im Anerkennungsverfahren Warengutscheine und Sachleistungen anstelle von Sozialhilfe vorsieht. In der chronologischen Ubersicht sieht das so aus: 1989 Anderung des Arbeitsforderungsgesetzes; Einsparung: 1,29 Mrd. DMErhohung der Versicherten-Zuzahlungen fr Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung; Kosten fr Zahnersatz und Brillengestelle werden nicht mehr vollstandig erstattet 1990 Nach einer Studie von DGB und DPWV beziehen in den alten Bundeslandern 4 Mio. Menschen Sozialhilfe 1991 Erhohung der Beitrage zur Arbeitslosenversicherung um 4,3 Prozentpunkte 1992 Mit einem “foderalen Konsolidierungsprogramm” sollen in den nachsten vier Jahren 28,3 Mrd. DM an Aufwendungen fr Sozialhilfe, BAfoG, Wohngeld und Lohnersatzleistungen eingespart werden10 % der Bevolkerung verfgt ber ein monatliches Pro-Kopf-Einkommen von unter 806 DM und gilt damit als arm 1993 Die Mehrwertsteuer wird um einen Prozentpunkt erhohtDie Kndigungsfristen fr Angestellte werden verkrztDas Arbeitszeitgesetz wird so angepaSst, daSs langere Wochenarbeitszeiten ermoglicht werdenNeue ArbeitsbeschaffungsmaSsnahmen werden nicht mehr bewilligtDie Zuzahlung der gesetzlich Krankenversicherten zu Medikamenten und bei Krankenhausaufenthalten wird erhohtDas Lohnabstandsgebot fr den Bezug von Sozialhilfe wird eingefhrtNach Schatzungen leben etwa 5 Mio. BundesbrgerInnen von Sozialhilfe 1994 Senkung der Hohe der Lohnersatzleistungen, Begrenzung der Bezugsdauer fr Arbeitslosenhilfe auf ein JahrZwangsverpflichtung von SozialhilfeempfangerInnen zu Arbeitsleistungen 1997 Gesundheitsreform: Erhohung der Zuzahlungen, Leistungskrzung, Verkrzung der Regeldauer von Kuren 1998 Verscharfung der Bezugsbedingungen fr Arbeitslosengeld und ArbeitslosenhilfeAb April: Erhohung der Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt Tabelle 1: Chronik des Sozialabbaus Diese Aufzahlungen erheben keinerlei Anspruch auf Vollstandigkeit. – Clemens Knobloch wrdigt die Legitimationsschlagworter fr den Sozialabbau: “Vom Rckbau’ des Sozialstaates ist die Rede. Wer da in den Umkreis einer Anpassung’ oder gar einer Reform’ gerat, der tut gut daran, sich warm anzuziehen. DaSs diese Ausdrcke im Munde der Politiker einen drohenden Unterton angenommen haben, ist noch milde formuliert.” Der Abbau von Transfer- und Ausgleichsleistungen wird begleitet von einer Stigmatisierung der BezieherInnen etwa von Arbeitslosen- oder Sozialhilfe. Ganz im Sinne der monetaristischen Vorstellung von “Sucharbeitslosigkeit” war noch bis vor wenigen Jahren der Ausspruch “wer arbeiten will, findet auch einen Arbeitsplatz” Gemeingut. Heute aber laSst sich ein solches Stigma des Arbeitslosen, der nur zu faul zum Arbeiten (oder eben zum Suchen einer Arbeitsstelle) ist, angesichts von Massenarbeitslosigkeit schlecht verkaufen. Aktuell wird daher gerne auf Begriffe wie “SozialmiSsbrauch” oder “Leistungserschleichung” zurckgegriffen; sie dienen zugleich als Kampfbegriffe, um die “soziale Hangematte”, die den “kollektiven Freizeitpark Deutschland” (Kohl) abfedert, zu stutzen. Niemand – und da scheinen die Gewerkschaften erst in jngster Zeit wieder eine Ausnahme zu bilden – aber spricht davon, daSs bei steigender Arbeitslosigkeit gleichzeitig die Gewinne aus Unternehmertatigkeit und Vermogen stetig gewachsen sind, wie Abbildung 1 zeigt. Diagramm 1: Arbeitslosenquote in der BRD 1991 bis 1996; zum Vergleich: Einkommen aus Unternehmertatigkeit und Vermogen In anderen Bereichen der Gesellschaft sind die materiellen Probleme sozial Schwacher ebenfalls offensichtlich. Exemplarisch seien in Abbildung 2 die Gesamtzahl der Studierenden und die Zahl derjenigen StudentInnen, die Ausbildungsforderung nach dem BAfoG erhalten, gegenbergestellt. Bezogen im Jahr 1991 noch knapp 25 % der Immatrikulierten BAfoG, waren es vier Jahre spater nicht einmal mehr 17 %. Diagramm 2: Studierende an Hochschulen in der BRD; daneben: BAfoG-BezieherInnen 1991 bis 1995 1. Grnde und Erklarungen Die offiziellen Begrndung der Sparprogramme und der aufgezeigten Umverteilung von unten nach oben: Die Globalisierung der Wirtschaft habe dazu gefhrt, daSs der internationale Wettbewerb immer scharfer wurde. Gelinge es der BRD nicht, behauptete “Standortnachteile” abzubauen, werde sich die wirtschaftliche Situation noch weiter verschlechtern, mithin die Arbeitslosigkeit weiter steigen. Neben den oben geschilderten Folgen fr das System der sozialen Sicherung steht die Forderung der Arbeitgeberverbande und der konservativ-liberalen Koalition im Raum, die Lohne und Gehalter zu flexibilisieren (sprich: zu reduzieren). Die Industrieverbande fordern darber hinaus eine Abkehr vom System der Flachentarifvertrage und damit eine Schwachung der Durchsetzungsmacht der ArbeitnehmerInnenseite. Rainer Trampert formuliert das unter Bezug auf eine Roman-Herzog-Rede so: “Alle sollen Opfer bringen und Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzstanden. Wirklich alle? Nein. Bundesprasident Herzog meint selbstverstandlich nicht – wie man annehmen konnte, wenn von Besitzstanden geredet wird – die Enteignung des Kapitals, sondern die Enteignung von Lohn, Arbeitslosen- und Sozialhilfe, und von Geld, das fr kranke Menschen aufgewendet wird. Arbeitszeiten und Lohne sollen, sagt er, mit den Ansprchen des Unternehmens in Einklang gebracht werden.” Ist die Globalisierungshysterie gerechtfertigt oder dient der “Standort” mit seinen komparativen Vor- oder Nachteilen nur der Legitimation der Abkehr von sozial abgefederter Marktwirtschaft? Gerhard Backer warnt vor der Hysterie und pladiert dafr, die echten Kriterien im Blick zu behalten, die die Wettbewerbsfahigkeit eines Staates ausmachen: das Verhaltnis zwischen Arbeitsproduktivitat und Lohnkosten. Dieses Verhaltnis, die Lohnstckkosten, liefere aber fr die alte BRD, verglichen mit anderen westlichen Industriestaaten, keinen Wert, der Horrorszenarien rechtfertige: “Von einer generellen Kostenkrise in Westdeutschland kann folglich nicht gesprochen werden; die Steigerung von Lohnkosten wie von Lohnnebenkosten einschlieSslich der Arbeitgeberbeitrage zur Sozialversicherung sind durch Produktivitatssteigerungen verdient’ worden.” Backer verweist ferner auf die Uberschsse in der AuSsenhandelsbilanz der BRD; der Ausdruck “Kostenweltmeister Deutschland” sei populistisch zu verstehen. Die BRD sei nicht etwa unschuldiges Opfer eines internationalen Wettbewerbs, sondern als starkstes EU-Mitglied mit hoher Wirtschaftskraft selbst Trager und Motor des globalen Wettlaufs um Deregulierung und Sozialstaatsabbau. Wenn zwar Globalisierungstendenzen und ein groSseres Arbeitskrafteangebot durch den Zusammenbruch der RGW-Staaten vorhanden sind, diese aber gerade auf die Bundesrepublik scheinbar keine so gravierenden Auswirkungen haben, wie gerne behauptet wird, verdichten sich die Anzeichen dafr, daSs die Internationalisierung der Wirtschaftsbeziehungen und die Verscharfung des globalen Wettbewerbs dramatisiert und berspitzt werden, um ein neoliberales Modell durchzusetzen. Um meine These vom Ende des 2. Kapitels noch einmal aufzunehmen: Vielleicht kann man sich genau das nach dem Scheitern des Realsozialismus auch wieder leisten. Hoffnungsalternativen in Form eines wirklich existierenden anderen System gibt es nicht mehr; der Kapitalismus ist (von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen) hegemonial geworden. Warum sollte er dann noch als soziales System verkauft werden, lassen sich die Aufwendungen dafr doch besser als Profit einstreichen? 1. SchluSsbetrachtung “Der historische Kommunismus ist gescheitert. Doch die Herausforderung, die er dargestellt hat, ist geblieben. Wenn wir nun sagen, daSs wir in diesem Teil der Welt die Zweidrittelgesellschaft hervorgebracht haben, konnen wir die Augen nicht vor der weit groSseren Zahl jener Lander verschlieSsen, wo die Zweidrittel- oder Vierfnftel- oder sogar die Neunzehntelgesellschaft der andere Teil der Gesellschaft ist. Angesichts der Realitat ist die Unterscheidung zwischen rechts und links, fr die das Ideal der Gleichheit immer der Polarstern war, eindeutig und klar. Es gengt schon, den Blick auf die internationale soziale Frage zu richten, um sich darber klar zu werden, daSs die Linke ihren Weg nicht nur nicht zu Ende gegangen ist, sondern ihn berhaupt erst beginnt.” (Noberto Bobbio) Ob es innerhalb der kapitalistischen Systemlogik eine Wende geben kann, die eine Wiedererlangung einer sozialen Marktwirtschaft zum Ziel hat, erscheint fraglich. Schon Karl Marx stellt fest, daSs Ergebnis der Lohnarbeit auch die Bildung einer “industriellen Reservearmee” ist – fr die Produktion berflssige Menschen, eine “konsolidierte Uberbevolkerung”. Marx nennt dies das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation, u. a. mit der Konsequenz, daSs die Arbeitslosen qua Arbeitsangebot massiven Druck auf die Lohne ausben. Wenn dies so ist, und die Phanomene scheinen dieses Axiom zu bestatigen, ergibt sich die Frage, ob ein marktwirtschaftliches System berhaupt in der Lage ist, die Probleme der Menschheit zu losen. Womit die gesamte Menschheit gemeint ist, nicht nur der Teil, der Brot und Arbeit hat. Wenn die Leitfrage allen politischen Handelns die ist, wie allen Menschen eine menschenwrdige Existenz zu gewahrleisten ist, ist nicht das sozialistische Modell gescheitert, sondern angesichts dessen, “was hinten herauskommt” (Kohl), die Marktwirtschaft
Bibliography
2. Literatur 1. Monographien Ebermann, Thomas/Rainer Trampert: Die Offenbarung der Propheten. Uber die Sanierung des Kapitalismus, die Verwandlung linker Theorie in Esoterik, Bocksgesange und Zivilgesellschaft. 2. Aufl., Hamburg 1996. Die Gruppe von Lissabon: Grenzen des Wettbewerbs. Die Globalisierung der Wirtschaft und die Zukunft der Menschheit. (1995) Bonn 1997 (Lizenzausgabe fr die BZpolB). Heilbroner, Robert: Kapitalismus im 21. Jahrhundert. Mnchen/Wien 1994. Klein, Dieter et al. (Hg.): Politische Okonomie des Kapitalismus. 5. Aufl., Ost-Berlin 1988. Kromphardt, Jrgen: Konzeptionen und Analysen des Kapitalismus. Gottingen 1980. Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Okonomie. 3 Bde. (1890) Separatdruck Ost-Berlin 1971 (identisch mit und zit. als MEW Bde. 23 bis 25). Marx, Karl: Okonomisch-philosophische Manuskripte. (1844) 4., unverand. Aufl., Leipzig 1988, V, XXIV. Statistisches Bundesamt (Hg.): Datenreport 1997. Zahlen und Fakten ber die Bundesrepublik Deutschland. Bonn 1997 (= Schriftenreihe der BZpolB Bd. 340; zit. als Datenreport 1997). 2. Aufsatze u. dgl. Backer, Gerhard: Der Sozialstaat hat eine Zukunft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 48-49/97, S. 12-20. Bischoff, Joachim: Ende des Rheinischen Modells. In: Johanna Klages/Peter Strutynski (Hg.): Kapitalismus am Ende des 20. Jahrhunderts. Hamburg 1997, S. 26-40. Knobloch, Clemens: Alles eine Frage des Standorts. In: Blatter fr deutsche und internationale Politik, 46 (1996) Nr. 5, S. 527-531. Schui, Herbert: Die politische Okonomie des Wohlfahrtsstaates und der Neoliberalismus. In: Johanna Klages/Peter Strutynski (Hg.): Kapitalismus am Ende des 20. Jahrhunderts. Hamburg 1997, S. 9-25. Trampert, Rainer: Rede auf der Veranstaltung “Heraus zum Roten 1. Mai” am 1.5.1997 in Siegen (unveroffentlichtes Manuskript, Privatarchiv des Verfassers). O. Verf.: Sozialer Kahlschlag. In: unsere zeit-Magazin Nr. 1/98, S. 4 f.

x

Hi!
I'm Luis!

Would you like to get a custom essay? How about receiving a customized one?

Check it out